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Was uns bewegt und beschäftigt

«Jeder dieser Menschen hat mich berührt»

Genau 50 Freiwillige aus der Schweiz haben im Monat April NOIVAs diverse Aktivitäten und Projekte im Norden Jordaniens – unweit der syrischen Grenze – unterstützt. Wieder wurden gebaut und repariert, gespielt und gesungen, besucht und umarmt: Auf Hausbesuchen, in Englisch-Kursen, beim Kinderprogramm und in den Handwerkerteams haben die Helferinnen und Helfer alles gegeben, um die Not der lokalen Bevölkerung zu lindern. Tabea (25) berichtet von Erfahrungen, die auch jetzt noch in ihr nachwirken …

Ich hatte das Vorrecht, diesen Frühling einmal mehr mit NOIVA nach Jordanien zu reisen. Drei Wochen – so intensiv, eindrücklich und bewegend, wie ich das noch selten erlebt habe. In dieser Zeit habe ich um die 30 syrische und jordanische Familien besucht und mich mit Herzblut in sie verschenkt. Jeder dieser Menschen hat mich mit seiner Geschichte berührt, mich zum Lachen und Weinen gebracht und mich durch seine Dankbarkeit um ein Vielfaches reicher weiterziehen lassen. Drei Erlebnisse möchte ich herauspicken.

Nr. 1 – Mitten in dieser Zeit durfte ich meinen Geburtstag feiern. Auch an diesem Tag waren wir unterwegs. Wir betraten ein kleines, mit Matten ausgelegtes Zimmer. Sofort wurde der Ventilator geholt und die Teekanne umhergereicht. Ein Besuch wie jeder andere, wäre da nicht das Strahlen der Jüngsten gewesen. Selten habe ich einen solchen Hoffnungsschimmer in den Augen und so viel Fröhlichkeit im quietschenden Lachen einer Kinderschar gesehen! Gemeinsam haben wir gesungen und getanzt – schliesslich erzählen die einfachsten Gesten in jeder Sprache dasselbe. Farbige Ballons tanzten durch die Luft, hin und her und hin und her. Unermüdlich waren sie in ihrem Spiel. Auch der älteste Sohn mit seinen 16 Jahren genoss es, Teil dieser Runde zu sein. Er stieg sofort darauf ein, als wir die Murmeln hervorholten und ihn zu einem kleinen Wettkampf herausforderten. Danach erzählten er und seine Schwester uns von ihren Zukunftsträumen. In diesem Zustand des Wartens und Verharrens einen jungen Menschen zu sehen, der zwar ohne Zuhause, aber nicht ohne Lebenswille und nicht ohne Perspektive aufwächst, das hat mich tief getroffen und selbst hoffen lassen. Was ich im Beisammensein mit dieser Familie erlebt habe, war mein ganz persönliches Geburtstagsfest. Eine Feier der Zuversicht und der Freude, wo man sie weder suchen noch erwarten würde. Das war das grösste Geschenk, das man mir an diesem Tag machen konnte.

Was ich im Beisammensein mit dieser Familie erlebt habe, war mein ganz persönliches Geburtstagsfest.

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Nr. 2 – Wahrscheinlich waren wir die ersten Fremden, die diese Familie besuchten, seit sie selber zu Fremden in einem heimatfernen Land wurden. Wir trafen eine Frau mit drei Kindern an. Die beiden ältesten Buben, zehn und zwölf Jahre alt, seien bei der Arbeit. Sie sammeln Müll auf der Strasse, in brennender Hitze und nur für wenige Dinar pro Tag. Auch eine Tochter muss bereits Geld verdienen, indem sie anderer Leute Haushalt putzt, weil ihre Mutter nicht mehr im Stande ist, die Familie zu versorgen. An deren Händen und in ihrem Gesicht sahen wir die Male dessen, was sie durchgemacht haben muss: Verbrennungen und Narben sind allerdings nur die äusseren Wunden. Welche Not tief im Inneren dieser Menschen verborgen ist, liess sich nur erahnen. Ich sah es in der zusammengekauerten Haltung der beiden Mädchen, wie sie dasassen und sich stumm übers Zeichnungspapier beugten. Es brauchte seine Zeit, bis sie sich überhaupt getrauten, nach den Farbstiften zu greifen. Ich nahm ihr Suchen nach Halt daran wahr, wie sie sich am Rockzipfel der einzigen Person im Raum festkrallten, die sie kennen. Und ich hörte das Leid im Aufschrei des Jüngsten: Als ich ihm sein Geschenk hinhielt, konnte er seine Angst nicht mehr verbergen. Dieser winzige Körper, der zitterte und schluchzte, zeugte von einem tiefen Trauma.

Welche Not tief im Inneren dieser Menschen verborgen ist, liess sich nur erahnen.

Der Kleine wurde weggetragen, winselnd und flehend. Nebenan presste er sich in die Ecke des leeren Raums, als könnten ihm zumindest die kalten Mauern den Schutz bieten, der ihm in den wenigen Jahren seines bisherigen Lebens verwehrt blieb. Wie tief muss die Not sitzen, wenn eine Geste des Schenkens so viel Angst auslöst?

 

Nr. 3 – Wir trafen diesen schlaksigen Jungen mit seiner Schwester auf der Strasse und wurden gleich mit einem herzlichen Hallo eingeladen, seine Familie zu besuchen. Eine Stunde später betraten wir die Wohnung, ein Anbau mit zwei Räumen, zumindest überdacht. Der Boden war trotz ausgelegter Strohmatte klebrig und feucht. Fliegen umschwirrten unsere Köpfe, es wimmelte nur so davon. Angesichts dieser Armut hatten wir nicht mehr viel, was wir ihnen überlassen konnten: ein Stofftier, einen Ball. Türme aus Bausteinen haben wir errichtet, Seifenblasen schweben lassen. Das Puzzle wurde mehrfach auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Immer mehr Menschen betraten den kleinen Raum und füllten ihn bis in die letzte Ecke aus.

Es hat mich tief bewegt, was unser Dasein bewirkte – ohne dass wir viel tun mussten.

Als wir aufstanden und uns verabschiedeten, nahm ich die junge Frau, die in der hintersten Reihe sass und mich zwischen den Schultern der anderen hindurch verstohlen beobachtet haben musste, erst richtig wahr. Sie sah mich mit feuchten Augen an, nahm mich in den Arm und wollte mich gar nicht mehr loslassen. Wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an mich. Da spürte ich plötzlich eine tiefe Liebe für diese Frau. Wieder und wieder umarmten wir uns. Bis heute kann ich mir nicht erklären, was es war, das sie so emotional reagieren liess. Umso mehr hat mich bewegt, was unser Dasein bewirkte: Ohne ein Wort zu sagen, konnte ich dieser Frau so viel ausdrücken und mitgeben. Und ich selbst habe dabei noch mehr zurückerhalten – einmal mehr fühlte ich mich als die Beschenkte!