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Weihnachten einmal anders

Über Weihnachten/Neujahr führte NOIVA im Nordwesten Jordaniens ein Hilfsprojekt durch. Insgesamt 200 Freiwillige haben alles daran gesetzt, Flüchtlingsfamilien wirksam zu unterstützen. Die Begegnungen mit Kindern und Erwachsenen gingen unter die Haut. Das jordanische Fernsehen, ein einflussreicher Scheich, die Leitung des Zaatari Refugee Camps und der Schweizer Botschafter trugen das ihrige bei zu einer unvergesslichen Zeit. Die Begeisterung darüber, was in nur neun Tagen erreicht werden konnte, ist gross. Warum die Helfer dennoch mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurückblicken.

Vom weihnachtlichen Kommerz in der Schweiz direkt ins Elend einer Provinzstadt voller Kriegsflüchtlinge: Das darf man ruhig einen Kulturschock nennen. Winterthur, wo die Stiftung NOIVA ihren Sitz hat, und Mafraq, 15 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, sind von der Einwohnerzahl her ungefähr vergleichbar. Ansonsten haben sie nichts miteinander gemeinsam. Für uns Schweizer ist dieser Einsatz ein kurzer Abstecher in eine andere Welt. Wir können nur erahnen, was es bedeutet, hier zu leben. Doch die meisten Menschen, die wir kennenlernen, sind schon eine Weile in Mafraq; ein, zwei, drei Jahre. Ihr harter Alltag ist inzwischen Normalität geworden, man schlägt sich durch. Wir fragen die Leute, wie es ihnen geht. Sie breiten die Arme aus und werfen einen Blick gen Himmel. Will heissen: Gott sei Dank, wir leben, wir sind einigermassen gesund. Doch es gibt auch jene, die unter der Last ihrer Probleme fast zusammenbrechen. Junge Mütter mit Scharen hungriger Kinder. Grossfamilien, die Väter, Onkel, Cousins, Brüder, Söhne verloren haben. Oder solche, die für behinderte, chronisch kranke, kriegsversehrte oder traumatisierte Familienmitglieder sorgen müssen – oft ohne Hilfsmittel oder fachliche Unterstützung.

Dichtestress im Grenzgebiet

Die Wohnverhältnisse sind eng. Einige schaffen es kaum, das Geld für die Miete zusammenzukratzen, denn Flüchtlinge dürfen offiziell nicht arbeiten. Sogar lebenswichtige Essensmarken und Nahrungsmittel werden verkauft, um an etwas Bargeld zu kommen. Denn das Schlimmste wäre, plötzlich auf der Strasse zu stehen. Wir sehen Behausungen, die bestenfalls als primitive Sommerresidenz geeignet wären: undichte Dächer, zerbrochene Fensterscheiben, zugige Ritzen, keine Isolation, keine Heizung. Während des Einsatzes ist das Wetter trocken und mild, dennoch frieren wir bei unseren Hausbesuchen. Kaum vorstellbar, wie es sich hier bei Regen, Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt – all dies gehört zum jordanischen Winter – lebt. Insbesondere die Nächte können in der Wüste schneidend kalt werden. Inmitten dieser schwierigen Umstände ist für viele Syrer und Iraker ihre ungewisse Zukunft das Allerschlimmste. Nach ihren Träumen gefragt, antworten sie: Wir möchten so schnell wie möglich wieder nach Hause. Dass es nie mehr so sein wird wie vorher, dass unzählige Verwandte, Freunde und Nachbarn nie mehr zurückkehren werden, das sprechen sie nicht aus. Doch sie wissen es, und sie wissen auch, dass bei den Konflikten in ihrer Heimat noch kein Ende absehbar ist.

Platz ist knapp und wird immer knapper

Gastgeber sind überfordert

Es ist schwer für die Flüchtlinge, in der Fremde zu sein. Doch auch die Gastgeberländer haben es alles andere als leicht: Wirtschaftlich, sozial und politisch ächzen sie unter der zusätzlichen Last durch Hundertausende Neuankömmlinge, von denen die meisten mittellos sind. Die Stadt Mafraq ist wegen ihrer Nähe zur Grenze besonders betroffen: Ihre Einwohnerzahl hat sich durch die Flüchtlingswelle mehr als verdoppelt. Die Löhne sind gesunken, die Preise explodiert, die Infrastruktur ist völlig überlastet. Ärmere Einheimische leben nicht besser als die Flüchtlinge, da sie ebenso unter Wohnungsnot und Teuerung leiden. Verständlich, dass diese Ausgangslage ein Nährboden für zwischenmenschliche Konflikte ist. Mangel und Konkurrenzkampf sind überall. Für uns ist klar: Wir unterstützen auch notleidende Jordanier, obwohl wir deswegen vereinzelt negative Reaktionen seitens der Flüchtlinge ernten. Noch häufiger aber erleben wir Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit: etwa bei der jordanischen Familie, die ihr Essenspaket in Empfang nimmt, nur um es sofort zu den syrischen Nachbarn zu bringen; die hätten es noch nötiger. Alles in allem sind wir betroffen von der Offenheit und Dankbarkeit der Menschen. Viele erzählen uns ihre Geschichten, zeigen uns Fotos. Manchmal gibt es Tränen, aber es wird auch gelacht. Man staunt darüber, dass wir von so weit her gerade hierher gekommen sind. Einige drücken aus, wie viel das für sie bedeutet: Eure Liebe ist uns mehr wert als die Hilfsgüter, die ihr mitbringt, sagt eine Frau. Und eine andere: Was ihr für uns tut, hilft uns zu vergessen, was wir in Syrien erlebt haben. Die Kinder saugen jede Aufmerksamkeit auf wie ein trockener Schwamm. Sie scheinen uns zu vertrauen, suchen unsere Nähe.

Medizinische Hilfe ist bitter nötig

Nur ein kleiner Anfang

Je länger je mehr werden wir uns unserer Unzulänglichkeit bewusst: Material, Zeit und Personal reichen dafür, einem Bruchteil der Bedürftigen dieser Stadt vorübergehend Erleichterung zu verschaffen. Es tut weh, immer wieder auch Nein sagen zu müssen. Allmählich lernen wir zu akzeptieren, dass wir nicht allen helfen können. Aber manchmal zerreisst es einen innerlich fast, weil man vor allem das sieht, was man nicht tun kann. Und doch wäre es falsch, aus diesem Grund gar nichts zu tun. Wir versuchen, auf das Gute zu sehen. Und rufen uns in Erinnerung, dass jedes noch so kleine Zeichen von Solidarität für den Einzelnen einen Unterschied bedeutet. Die strahlenden Gesichter und stürmischen Umarmungen werden wir nie mehr vergessen. Auf dem Rückflug sind unsere Herzen übervoll: Wir sind berührt von der Not, wie wir gesehen haben. Beschämt darüber, dass wir oft nicht begreifen, wie unfassbar privilegiert wir sind. Entschlossen, uns weiterhin für Menschen einzusetzen, die sich selbst nicht wehren können. Vor allem aber sind wir überwältigt davon, dass wir in dieser Zeit hundertfach geben und nehmen durften: Eine schönere Weihnacht können wir uns gar nicht vorstellen.

Abwechslung im tristen Alltag: syrische Knaben posieren vor der Kamera

Aktivitäten während des Einsatzes

  • Das Kinderprogramm bestand aus einer attraktiven und abwechslungsreichen Mischung: Spiele, Lieder, Geschichten, Kurzfilme und Basteln; auch ein Znüni oder Zvieri gehörte dazu. Gross und Klein war mit Begeisterung dabei. Disziplinarisch war es zwar immer wieder eine Herausforderung, in einem Raum mit bis zu 200 Kindern einigermassen Ruhe und Ordnung zu wahren – doch die strahlenden Gesichter machten alles mehr als wett!
  • Die Frauen- und Mütterberatung bot Raum, um in einem geschützten Rahmen über seine Probleme zu sprechen. Eine Schweizer Coiffeuse, selbst vierfache Mutter, verpasste neue Haarschnitte und machte Frisuren. Dies fand grossen Anklang, da sich die wenigsten einen professionellen Coiffeurbesuch leisten können. In einem lebensnahen Referat wurde den Frauen zudem vermittelt, wie wichtig ihre Rolle ist und dass gerade sie ihren Kindern Entscheidendes mit auf den Weg geben können.
  • Im medizinischen Ambulatorium arbeiteten Fachkräfte aus der Schweiz, Jordanien und Ägypten – darunter ein Orthopäde, eine Kinderärztin, ein Allgemeinarzt und ein Arzt für Innere Medizin – eng zusammen: Sie untersuchen und berieten die Patienten und gaben Medikamente ab. Täglich wurden so bis zu 150 Personen behandelt. Besonders häufig waren Erkältungskrankheiten, aber auch Gelenkschmerzen, gerade bei älteren Menschen. In vielen Fällen, wo eigentlich eine Operation erforderlich wäre, konnten leider lediglich Schmerzmittel abgeben werden.
  • Ein Team aus Schweizer Optikern führte mit Hilfe eines Refraktometers vor Ort Sehtests durch, beriet die Patienten und gab bei Eignung gleich Brillen mit der passenden Korrektur ab. Möglich war dies dank einer mit flüssigem Silikon gefüllten Spezialbrille: Durch Druckveränderung der Flüssigkeit kann die Wölbung der Kunststofflinse verändert werden, bis die optimale Korrektur erreicht ist. Die Begeisterung war gross, denn viele sehbehinderte Flüchtlinge können sich keine Brille leisten.
  • Mobile Handwerker-Teams, u. a. bestehend aus Sanitären, Maurern, Schreinern, Elektromechanikern und Landwirten, zogen täglich aus und kümmerten sich um Schäden und Mängel an Gebäuden. Sie trafen auf leckende Dächer, zerbrochene Fensterscheiben, kaputte Türen, verstopfte Abläufe, defekte Hähnen, unterbrochene Stromversorgung und viele andere Missstände. In kürzester Zeit wurde mit Schweizer Qualitätswerkzeug, etwas Material und viel Kreativität das Maximum herausgeholt, um die Wohnqualität der Flüchtlinge zu verbessern.
  • Ein Grossteil der Freiwilligen waren in Form von kleinen Teams unterwegs, die – motorisiert und natürlich mit Unterstützung von Dolmetschern – Hausbesuche bei bedürftigen Familien machten. Sie hatten ein offenes Ohr für die Flüchtlinge, ermutigten sie und gaben Lebensmittelpakete, Kleider und Windeln ab. Auch Kinderspielzeug, Geschenke und Mitbringsel aus der Schweiz waren hoch im Kurs. Während dieser Besuche gab es viele berührende Momente; Lachen und Weinen waren nah beieinander. Auch war es sehr eindrücklich, fast überall auf Gastfreundschaft und Grosszügigkeit zu stossen.
  • Jeden Abend von 16 bis 17 Uhr fand in der grossen Halle ein Kulturprogramm statt. Dazu gehörte viel Musik – schweizerdeutsche, arabische und englische Lieder –, eine Ansprache und manchmal auch ein kurzes Theaterstück. Da der Anteil Kinder am Gesamtpublikum gross war, ging es während dieser Veranstaltungen jeweils hoch her (Ruhe nach Schweizer Standard wurde nur in seltenen Momenten erreicht). Der Kultur-Event war auch ein wertvoller Ort der Begegnung: Neben dem Programm blieb genug Zeit für Smalltalk mit Händen, Füssen und ein paar Brocken Arabisch, für Klatschspiele oder für Freundschaft ohne Worte, nur mit Lachen und Umarmungen.