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«Zähneputzen? Wie geht das?»

Gesunde Zähne, ein Arzttermin – für uns sind das Selbstverständlichkeiten. In Jordanien können viele Menschen davon nur träumen. Johanna Berweger, Projektleiterin bei NOIVA, gibt einen Einblick in die täglichen Herausforderungen syrischer Flüchtlingsfamilien.

Hygieneartikel sind, insbesondere auf dem Land, Luxusgüter. Aufgewachsen ohne Dusche und WC, kennen viele Landkinder nicht einmal die Zahnbürste. Unbeholfen bewegen sie diese unter meinen Instruktionen im Mund hin und her. Um mich versammelt ist eine altersgemischte Gruppe von 5- bis 14-Jährigen. Das Zahnpflege-Training verläuft ohne Zwischenfälle. Die Kinder lassen sich beim Putzen helfen und spucken wenn nötig in die Kartonbecher. Kein Becher leert aus, niemand sagt «Wäh!», wie ich das von meinen Schweizer Schulklassen gewohnt bin. So macht Unterrichten Spass!

Zahnhygiene ist zu teuer
Obwohl viele Kinder bereits braune Zähne haben, klagen sie selten über Schmerzen. Die Erwachsenen schon: geschwollene Backen, pulsierende Bereiche, monatelanges Kopfweh und Verspannungen. Ein Zahnarztbesuch hätte längst Abhilfe geschaffen, doch können sich diesen viele nicht leisten. Und wenn, dann nur die Budget-Variante: Raus mit dem Zahn!
Aufklärung und Hilfe sind dringend nötig. Zahnbürsten sollten zu minimalen Preisen abgegeben werden, denn die teuren Zahnhygieneartikel lassen die Flüchtlingsfamilien ihre Prioritäten anders setzen. Selbst einige learn2live-Lehrer verzichten lieber darauf – leider. Aber was soll man machen, wenn am Ende des Monats kein Rappen mehr da ist, trotz noch so sorgfältigen Haushaltens? Hier die gute Nachricht: NOIVA arbeitet daran, bald eine mobile Zahnklinik in Jordanien eröffnen zu können.

Auch mit der medizinischen Versorgung haperts
Mafraq mitsamt den umliegenden Dörfern zählt inzwischen fast 200’000 Einwohner. Während man beinahe an jeder Strassenecke eine Apotheke findet, sucht man lange, um einen guten Arzt zu finden. Spezialisten für Knie, Augen, Haut usw. findet man nur in der Hauptstadt Amman. Kürzlich wurden einige Sparmassnahmen getroffen, die die syrischen Familien hart getroffen haben: Brot wurde fast doppelt so teuer und die kostenlose medizinische Versorgung gestrichen. Wichtigen humanitären Organisationen geht allmählich das Geld aus. In Mafraq gibt es nur noch ein einziges medizinisches Zentrum, das seine Dienste gratis zur Verfügung stellt. Finanziert wird es aus den Arabischen Emiraten. An eine ordentliche Konsultation ist allerdings nicht zu denken: Wer Hilfe will, muss sich früh aufmachen – das Zentrum ist nur vormittags geöffnet – und mit stundenlangem Warten rechnen. Viele, die hingehen, werden mit Spritzen behandelt: Injektionen gegen Schmerzen, eine Dosis Vitamine … Ob diese Hilfe effektiv ist? Wenigstens bietet sie für den Moment etwas Linderung.

Foto: Joni Hedinger